Trockenätzprozesse werden über einige wenige Kenngrößen beschrieben, die zugleich die Zielgrößen jeder Prozessentwicklung sind.
- Ätzrate r
- Die Ätzrate beschreibt den Ätzabtrag pro Zeit und wird z.B. in Nanometer pro Minute oder Ångström pro Sekunde angegeben.
$$r=\frac{Ätzabtrag \Delta z}{Ätzzeit \Delta t}$$
- Anisotropiefaktor f
- Der Anisotropiefaktor beschreibt das Verhältnis von horizontaler Ätzrate rh zu vertikaler Ätzrate rv.
$$f=1-\frac{r_h}{r_v}$$
Zur Strukturübertragung sind stark anisotrope Prozesse erwünscht, also Ätzungen nur in vertikaler Richtung, so dass die Lackmaske nicht unterätzt wird. Für anisotrope Ätzungen ergibt sich f → 1, und dementsprechend für isotrope Prozesse f → 0.
- Selektivität Sjk
- Die Selektivität Sjk zwischen Material j und Material k beschreibt das Verhältnis der Ätzraten zweier Materialien, z.B. von zu strukturierender Schicht (j) und Lackmaske (k).
$$S_{jk}=\frac{r_j}{r_k}$$
Ob eine hohe oder geringe Selektivität gewünscht ist, hängt vom jeweiligen Prozess ab. Bei der Strukturierung von Schichten sollte der Wert möglichst groß sein, d.h. die zu strukturierende Schicht wird schneller abgetragen als die Lackmaske. Beim Reflowrückätzen muss die Selektivität 1 betragen um Topografien gleichmäßig einzuebnen.
- Uniformität U
- Die Uniformität beschreibt, wie gleichmäßig der Abtrag ausfällt – über eine Scheibe hinweg, von Scheibe zu Scheibe und von Charge zu Charge. Sie wird als Streuung der Ätzrate bezogen auf deren Mittelwert angegeben.
$$U=\frac{r_{max}-r_{min}}{r_{max}+r_{min}}\cdot 100\,\%$$
- Aspektverhältnis A
- Das Aspektverhältnis ist das Verhältnis von Ätztiefe z zu Strukturbreite b. Es beschreibt, wie schlank ein Graben oder Loch ist.
$$A=\frac{z}{b}$$
Mit steigendem Aspektverhältnis sinkt die Ätzrate, weil die Ätzteilchen schlechter an den Strukturboden gelangen und die Reaktionsprodukte schlechter abgeführt werden. Dieser Effekt wird als aspektverhältnisabhängiges Ätzen (aspect ratio dependent etching, ARDE) oder RIE-Lag bezeichnet. Er ist heute die maßgebliche Grenze beim Ätzen tiefer Strukturen, etwa der Speicherlöcher im 3D-NAND-Flash mit Aspektverhältnissen von mehr als 50:1. Typische Profilfehler solcher Ätzungen sind das Bowing (bauchige Aufweitung im oberen Bereich), das Twisting (Verkippen tiefer Löcher gegeneinander) und das Microtrenching (überhöhter Abtrag in den Bodenecken).
- Loading-Effekt
- Die Ätzrate hängt von der insgesamt freiliegenden Fläche ab: Eine große zu ätzende Fläche verbraucht mehr Reaktivteilchen, die Ätzrate sinkt. Makroloading betrifft die gesamte Scheibe bzw. Charge, Mikroloading die unmittelbare Umgebung einer einzelnen Struktur.
Da die Ätzrate von Anlagenzustand, Gasfluss und Belegung abhängt, wird eine Ätzung in der Fertigung nicht über eine feste Zeit gesteuert, sondern über eine Endpunkterkennung. Dazu verfolgt ein Spektrometer die optische Emission des Plasmas (optical emission spectroscopy, OES) – beim Durchätzen einer Schicht ändert sich die Intensität charakteristischer Linien, weil andere Reaktionsprodukte entstehen – oder ein Interferometer misst die verbleibende Schichtdicke. Nach dem erkannten Endpunkt folgt eine kurze, definierte Überätzzeit, um Reste über die gesamte Scheibe hinweg sicher zu entfernen.