1. ESD-Modelle und Schadensmechanismen
Elektrostatische Entladung (ESD, Electrostatic Discharge) beschreibt den schlagartigen Ausgleich einer elektrostatischen Aufladung zwischen zwei Objekten unterschiedlichen Potentials. Berührt ein aufgeladener menschlicher Körper, ein Bauteil oder eine Maschine einen integrierten Schaltkreis, fließt für wenige Nanosekunden bis Mikrosekunden ein Strom von mehreren Ampere über die Anschlusspins in das Bauelement. Diese kurzzeitige, aber hohe Energiedichte kann Gate-Oxide durchschlagen, p-n-Übergänge thermisch zerstören oder Metallisierungsbahnen aufschmelzen.
Zur Bewertung der ESD-Festigkeit haben sich drei Modelle etabliert, die unterschiedliche Entladungsquellen nachbilden und sich in Pulsform, Anstiegszeit und Spitzenstrom deutlich unterscheiden:
| Modell | Ersatzschaltung | Anstiegszeit | Pulsdauer | Typ. Spitzenstrom |
|---|---|---|---|---|
| HBM (Human Body Model) | 100 pF über 1,5 kΩ | 2–10 ns | ca. 150 ns | ca. 1,3 A bei 2 kV |
| MM (Machine Model) | 200 pF, kein Serienwiderstand | <1 ns (oszillierend) | ca. 150–300 ns | mehrere A bei 200 V |
| CDM (Charged Device Model) | Bauteil-Eigenkapazität (wenige pF) | <1 ns | <1 ns | bis 10–15 A bei 500 V |
Für die Qualifikation eines Bauelements werden üblicherweise Mindestfestigkeiten gefordert, etwa 2 kV nach dem HBM-Modell und 500 V bis 1 kV nach dem CDM-Modell für konsumentennahe Anwendungen; Automotive-Bauelemente verlangen häufig deutlich höhere Werte. Da beim CDM die gesamte im Bauteil gespeicherte Ladung innerhalb von unter einer Nanosekunde abfließt, entstehen hier trotz geringerer Spannung die mit Abstand höchsten Stromspitzen und die anspruchsvollsten Schutzanforderungen an die Reaktionsgeschwindigkeit der Schutzstruktur.