Die Geschichte der LED
14.09.2026
Bevor es eine rote LED gab, gab es eine vergessene. Fast sechzig Jahre bevor Leuchtdioden zum Massenprodukt wurden, hatte sie bereits ein einzelner sowjetischer Radioingenieur im Alleingang erforscht – und war damit seiner Zeit so weit voraus, dass seine Arbeit erst Jahrzehnte später wiederentdeckt wurde. Die Geschichte der LED ist eine Geschichte langer Pausen: Auf frühe, isolierte Entdeckungen folgten jeweils jahrzehntelange technische Durststrecken, bis die nächste Farbe oder Anwendung reif war.
Eine vergessene erste Entdeckung
1907 beobachtete der britische Funktechniker Henry Joseph Round bei Marconi erstmals, dass ein Siliciumkarbid-Kristall unter elektrischer Spannung schwach leuchtete – die früheste dokumentierte Beobachtung von Elektrolumineszenz überhaupt, allerdings ohne jede praktische Folge. In den 1920er und 1930er Jahren untersuchte der sowjetische Radioingenieur Oleg Losev dasselbe Phänomen an Siliciumkarbid-Dioden weit gründlicher, veröffentlichte mehrere Fachartikel dazu und baute sogar experimentelle Radioempfänger, die Licht zur Signalverarbeitung nutzten – im Grunde die ersten LEDs der Technikgeschichte. Losev starb 1942 während der Leningrader Blockade, seine Arbeiten gerieten weitgehend in Vergessenheit und wurden erst Jahrzehnte später von Historikern wiederentdeckt und gewürdigt.
Von Infrarot zu sichtbarem Rot
Die eigentliche, ununterbrochene Entwicklungslinie moderner LEDs beginnt erst mit dem Verständnis der III-V-Verbindungshalbleiter in den 1950er Jahren. 1955 beobachtete Rubin Braunstein bei RCA Infrarotemission an Galliumarsenid-Dioden – nützlich für Sensorik und Fernbedienungen, aber unsichtbar für das menschliche Auge. Den entscheidenden Schritt ins sichtbare Licht schaffte, wie an anderer Stelle ausführlicher erzählt, Nick Holonyak bei General Electric 1962 mit einer LED aus Galliumarsenidphosphid, die erstmals hell genug rotes Licht abstrahlte, um praktisch nutzbar zu sein. Sein Doktorand M. George Craford verbesserte in den folgenden Jahren gezielt die Materialzusammensetzung und stellte 1972 die erste gelbe LED sowie deutlich hellere Rot- und Orangetöne vor. Grün kam über eine andere Materialroute hinzu: stickstoffdotiertes Galliumphosphid lieferte ab den 1970er Jahren brauchbares, wenn auch zunächst noch recht mattes grünes Licht.
Damit hatte die Elektronikindustrie ihre ersten Massenanwendungen: Rote und grüne Kontrollleuchten, siebensegmentige LED-Ziffernanzeigen in Taschenrechnern und frühen Digitaluhren wurden in den 1970er Jahren zum vertrauten Bild – bis sie dort wegen ihres vergleichsweise hohen Stromverbrauchs bald von Flüssigkristallanzeigen abgelöst wurden. Als reine Signal- und Anzeigeleuchten blieben LEDs aber unverzichtbar.
Die fehlende Farbe
Drei Grundfarben braucht es, um weißes Licht additiv zu mischen oder gezielt zu konvertieren – Rot und Grün waren da, Blau fehlte über drei Jahrzehnte beharrlich. Das Problem war fundamental: Blaues Licht verlangt eine deutlich größere Bandlücke, als sie die etablierten LED-Materialien boten, und das einzige dafür geeignete Material, Galliumnitrid, ließ sich mit der Technik der 1970er und 1980er Jahre weder in brauchbarer Kristallqualität züchten noch p-leitend dotieren. Erst Isamu Akasaki, Hiroshi Amano und Shuji Nakamura lösten diese Kette von Problemen zwischen 1986 und 1993 – von der Pufferschicht für besseres Kristallwachstum über die Aktivierung der p-Dotierung bis zur ersten wirklich hellen blauen LED bei Nichia. Wie genau diese Durchbrüche gelangen, erzählt der eigene Artikel zu diesem Thema ausführlich; für die Geschichte der LED insgesamt war 1993 jedenfalls der Moment, in dem plötzlich alle drei Grundfarben verfügbar waren.
Der eigentliche Umbruch: weißes Licht
Die praktisch folgenreichste Anwendung der neuen blauen LED war gar nicht Blau selbst, sondern Weiß. Statt drei einzelne LEDs in Rot, Grün und Blau aufwendig zu kombinieren, entwickelte Nichia ab 1996 ein einfacheres Verfahren: Ein blauer LED-Chip wird mit einer gelb fluoreszierenden Leuchtstoffschicht (meist Cer-dotiertes Yttrium-Aluminium-Granat) überzogen. Ein Teil des blauen Lichts regt den Leuchtstoff zu gelbem Licht an, die Mischung aus durchscheinendem Blau und konvertiertem Gelb ergibt für das menschliche Auge weißes Licht. Dieses Verfahren ist einfacher, günstiger und lässt sich präziser in der Farbtemperatur einstellen als die additive RGB-Mischung – und wurde binnen weniger Jahre zur Grundlage einer kompletten neuen Beleuchtungsindustrie.
Der Effizienzsprung war gewaltig: Eine klassische Glühbirne setzt Strom mit einer Lichtausbeute von etwa 15 Lumen pro Watt um, die meiste Energie geht als Wärme verloren. Kompaktleuchtstofflampen kamen auf rund 60 Lumen pro Watt. Moderne weiße LEDs erreichen inzwischen deutlich über 150 Lumen pro Watt – bei gleichzeitig erheblich längerer Lebensdauer. Diese Effizienz trug maßgeblich dazu bei, dass die Europäische Union ab 2009 schrittweise klassische Glühbirnen vom Markt nahm, andere Länder folgten mit eigenen Ausstiegsplänen; LED-Beleuchtung ersetzte binnen anderthalb Jahrzehnten weltweit den überwiegenden Teil der bis dahin üblichen Glüh- und Leuchtstofftechnik.
Eine verwandte, aber andere Technologie: OLED
Häufig mit der klassischen LED verwechselt, aber technologisch ein eigener Zweig, ist die organische Leuchtdiode (OLED). Hier übernehmen dünne Schichten organischer, kohlenstoffbasierter Halbleiterverbindungen statt kristalliner III-V-Materialien die Lichterzeugung – entwickelt maßgeblich von Ching Tang und Steven Van Slyke bei Kodak, die 1987 die erste praktikable OLED-Struktur vorstellten. OLEDs erzeugen Licht selbstleuchtend pro einzelnem Bildpunkt, ohne separate Hintergrundbeleuchtung, was in Displays besonders tiefes Schwarz und hohen Kontrast ermöglicht – seit den 2010er Jahren Standard in Premium-Smartphones und hochwertigen Fernsehern. Mit der klassischen anorganischen LED, wie sie in Beleuchtung, Anzeigen und Hintergrundbeleuchtung von LCD-Bildschirmen verwendet wird, hat OLED außer dem Namen und dem Grundprinzip der Elektrolumineszenz wenig gemeinsam.
Vom Kontrolllämpchen zur globalen Infrastruktur
Die Anwendungsgeschichte der klassischen LED liest sich wie eine stete Ausweitung des Vertrauens in die Technik. Zunächst nur als winzige Kontrollleuchte in Geräten geduldet, übernahmen LEDs ab den 1980er Jahren große Anzeigetafeln und Videowände in Stadien und im öffentlichen Raum. Ab den 1990er und 2000er Jahren ersetzten LED-Ampeln nach und nach klassische Glühlampen-Ampeln – niedrigerer Stromverbrauch und eine um ein Vielfaches längere Lebensdauer amortisierten die höheren Anschaffungskosten binnen weniger Jahre. 2007 brachten Lexus und Audi die ersten Serienfahrzeuge mit LED-Scheinwerfern auf den Markt, heute LED- oder Laserlicht-Standard in praktisch jedem Neuwagen. Smartphones nutzen LEDs heute gleich mehrfach – als Kamerablitz, als Hintergrundbeleuchtung des Displays und, in Form von Infrarot-LEDs, für Näherungssensoren und Gesichtserkennung. Selbst in der Landwirtschaft haben spektral genau abgestimmte LED-Pflanzenlampen klassische Natrium- oder Halogenlampen im kontrollierten Innenraumanbau weitgehend verdrängt, und mit Li-Fi wird inzwischen sogar experimentiert, LED-Licht selbst als Datenübertragungsmedium zu nutzen. Aus einer kaum sichtbaren Kontrollleuchte der 1960er Jahre ist damit binnen sechzig Jahren eine der vielseitigsten Lichtquellen der Technikgeschichte geworden.