1. Warum Consumer-Grade nicht reicht
Ein Chip, der in einem Smartphone einwandfrei funktioniert, kann in einem Motorsteuergerät oder einem Satelliten binnen Wochen ausfallen. Der Grund liegt nicht in schlechterer Fertigungsqualität, sondern in fundamental anderen Betriebsbedingungen und Ausfallkonsequenzen: Ein abgestürztes Smartphone lässt sich neu starten, ein ausgefallenes Bremssteuergerät oder ein Satellit in 36.000 km Höhe nicht.
Die Industrie hat daher gestufte Qualifikationsstandards etabliert, die jeweils strengere Anforderungen an Temperaturbereich, zulässige Ausfallrate, Dokumentationspflicht und Rückverfolgbarkeit stellen:
- Consumer: Kein einheitlicher Standard, meist 0 bis 70 °C, Ausfallraten im Bereich einiger hundert FIT (siehe Absatz 6), begrenzte Losdokumentation.
- Automotive (AEC-Q100): Vier Temperatur-Grades (0 bis 3, siehe Absatz 2), verpflichtender Stresstest-Katalog, vollständige Losrückverfolgbarkeit (PPAP), Ausfallraten im niedrigen einstelligen FIT-Bereich gefordert.
- Militär (MIL-STD-883): Definiert Prüfmethoden für Bauteilklassen, oft hermetische statt Kunststoffgehäuse, 100-%-Screening statt Stichprobenprüfung.
- Weltraum (z. B. ESA ESCC, NASA-Standards): Zusätzlich zu den militärischen Anforderungen kommt Strahlungshärte hinzu (Absatz 3 und 4) sowie eine oft jahrzehntelange Missionsdauer ohne jede Möglichkeit zur Reparatur.
Jede Stufe erweitert die vorherige um zusätzliche Anforderungen – ein weltraumtaugliches Bauteil muss also nicht nur die extreme Umgebung überstehen, sondern zusätzlich alle Automotive- und Militär-Anforderungen mit erfüllen oder übertreffen.